20
An heißen Sommerabenden spielte die Stadtkapelle von Carrington in Vermont unter dem Dach eines Pavillons auf dem Marktplatz, und man konnte im Gras liegen, zu den Sternen hochschauen und sich vorstellen, man lebe in einer langsameren, friedlicheren Zeit, in der die Kinder Eis schlecken und Fangen spielen und die Erwachsenen Arm in Arm am Hobart Creek spazieren gehen. An solchen Abenden verhüllte die Dunkelheit die traurige Tatsache, dass viele der hübschen Geschäfte aus dem neunzehnten Jahrhundert entweder leer standen oder sich gerade noch über Wasser hielten. Bei Tageslicht ließ sich die Armut des Ortes, in dem Justine Castle aufgewachsen war, nicht verstecken.
Auf der Fahrt zu James Knolls Farmhaus fragte sich Herb Cross, wie Justines Leben in dieser Stadt der Wohnwagensiedlungen, Kneipen und der schlecht gehenden Mühlen wohl ausgesehen hatte, und er hoffte, dass der frühere Polizeichef ihm darauf eine Antwort geben konnte. Knoll hatte, als Cross ihn vom Revier aus anrief, sehr erfreut gewirkt über die Gelegenheit, über Polizeiarbeit zu reden. Er hatte ihn sogar zum Lunch eingeladen.
Eine großer, hagerer Mann mit dichten weißen Haaren, ledriger Haut und einer Bifokalbrille kam die Stufen der Veranda herunter, als Herb vor dem Haus anhielt. Cross gab Knoll die Hand.
»Kommen Sie rein! Meine Frau hat Sandwiches und Kaffee gemacht.«
Als sie dann am Küchentisch saßen, musterte Knoll den Ermittler.
»Es ist ein weiter Weg von Portland nach Carrington.«
»Unserem Mandanten droht die Todesstrafe.«
Knoll nickte, um anzudeuten, dass keine weitere Erklärung nötig war.
»Es ist schon eine Weile her, dass ich an Justine Castle gedacht habe.« Knoll schüttelte den Kopf. »Das war eine traurige Geschichte.«
»Was genau ist passiert? Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, aber der ging nicht sehr ins Detail.«
»Wir wollten das so. Wir wollten keinen Skandal. Gil war tot, und der gute Ruf einer jungen Frau stand auf dem Spiel.«
Knoll biss von seinem Sandwich ab und trank einen Schluck Kaffee, bevor er fortfuhr.
»Gil Manning war ein Star als Quarterback, ein Star im Basketball - und ein Stararschloch. Natürlich sah man ihm das Arschloch nach, weil er ein ...«
»... Star war?«, ergänzte Herb lächelnd.
»Genau. Justine war das hübscheste Mädchen der ganzen High School, und es war eine Sensation, als sich die beiden im vorletzten Schuljahr ineinander verliebten. Justine war die Schülerin, die immer die Jahresabschlussrede hielt. Die beiden waren ein prächtiges Paar. Am letzten Wochenende ihres letzten Schuljahres gewann Gil das Spiel mit einem Neunzigmeterlauf in den letzten Spielminuten. Natürlich wurde über nichts anderes geredet, bis die beiden ihre Verlobung bekannt gaben. Gil war ein guter High-School-Sportler, aber für ein College-Sportstipendium reichte es nicht. Er hatte einfach nicht die Noten dafür. Justine hätte auf jedes College gehen können. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten einige ihre Bewerbung angenommen. Doch dann wurde sie schwanger, und damit war es aus mit dem College. Sie und Gil heirateten am Tag nach dem Schulabschluss, und sie zogen zu seinen Eltern. Und dann fingen die Probleme an. Gil kam nach der High School mit seinem Leben nicht zurande. Er war plötzlich nicht mehr wichtig. Er hatte schon immer viel getrunken, aber das war mehr jugendliche Angeberei, solange er noch der große Macker auf dem Campus war.
Nach der High School jedoch wurde er, wenn er getankt hatte, zu einem stadtbekannten Randalierer. Wirklich schlimm wurde es, als er anfing seine Frustration an Justine auszulassen. Eines Abends verprügelte Gil sie so, dass sie das Baby verlor. Ich wollte sie dazu bringen, mir zu erzählen, was wirklich passiert war. Es war ziemlich offensichtlich, dass sie keine Treppe hinuntergefallen war. Aber Gil war im Krankenhaus und kümmerte sich rührend um sie, und sie wollte nicht gegen ihn aussagen.«
Knoll schüttelte betrübt den Kopf.
»Justine war immer so hübsch und so fröhlich gewesen, aber die Frau, die ich im Krankenhaus sah, wirkte erschöpft und verbraucht, obwohl sie doch erst achtzehn war. Ich hätte diesen elenden Arsch Gil mit Vergnügen ins Gefängnis geschleift, aber ohne Justine hatten wir nichts gegen ihn in der Hand.«
Er hielt inne, um von seinem Sandwich abzubeißen.
»Zwei Monate später erhielten wir einen Notruf von der Farm der Mannings. Es war Justine, und sie war völlig verängstigt. Sie rang nach Atem und konnte kaum sprechen. Ich kam gegen drei in der Früh dort an. Gil lag mit dem Gesicht nach unten vor der Haustür. Sie hatte ihn mit seinem Jagdgewehr erschossen, ein Schuss, genau ins Herz. Als ich das Haus betrat, saß Justine am Küchentisch und hatte noch immer den Hörer in der Hand. Der Diensthabende hatte ihr gesagt, sie solle am Apparat bleiben, bis wir ankämen. Ich musste ihr den Hörer aus der Hand hebeln.«
»Hat sie Ihnen erzählt, was passiert ist?«
»O ja. Wir redeten, nachdem ich sie ein wenig beruhigt hatte. Gil hatte von ihr verlangt, dass sie mit ihm zum Trinken geht. Sie wollte nicht, aber er machte eine Szene. Er betrank sich in Dave Buchs Taverne und wurde ausfällig, und Dave warf ihn hinaus, nachdem er mit einem Jungen von einer rivalisierenden High School einen Streit angefangen hatte. Auf der Heimfahrt warf er Justine vor, sie sei schuld daran, dass sein Leben so beschissen war. Er sagte, sie sei ein fettes Schwein, und behauptete, sie behindere ihn.«
Knoll schüttelte den Kopf.
»Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, wobei. Dann boxte er sie aufs Kinn. Sie hatte eine böse Quetschung, und wir haben Fotos gemacht. Er schlug sie auch aufs Auge. Dann stieß er sie aus dem Auto und versuchte, sie zu überfahren. Justine lief davon, und Gil war zu betrunken, um sie einzuholen. Als er sie nicht mehr verfolgte, ging sie im Dunkeln nach Hause. Sie war durchgedreht und hatte eine Todesangst. Sie sagte, sie sei sich sicher gewesen, dass Gil sie umbringen würde, sobald er nach Hause kam. Gils Eltern waren zu Besuch bei ihrem anderen Sohn in Connecticut, sie war also ganz allein. Sie schnappte sich Gils Flinte und setzte sich im Wohnzimmer aufs Sofa. Unterdessen hatte Gil einen Unfall gebaut. Er war zwar nicht verletzt, aber das Auto hatte einen Totalschaden. So ließ er sich von Andy Landlaw, einem seiner Saufkumpane, nach Hause fahren. Andy erzählte mir, Gil habe zwar zugegeben, dass er Justine hatte überfahren wollen, er habe deswegen aber auch ein furchtbar schlechtes Gewissen gehabt. Als sie auf der Farm ankamen, bot Andy an, mit Gil hineinzugehen, aber Gil schickte ihn fort. Andy sagte, Gil habe auf dem Vorplatz gestanden, als er davonfuhr.«
»Und wie kam Gil dann zu Tode?«
»Justine sagte, sie habe ein Auto vorfahren gehört und gedacht, es sei das von Gil. Sie wusste ja nicht, dass er es kaputtgefahren hatte. Als er durch die Tür kam, sagte sie, er solle verschwinden, oder sie werde ihn erschießen. Er machte noch einen Schritt vorwärts, und sie schoss, und das war's dann.«
»Wie weit von der Stadt war Justines Elternhaus entfernt?«
»Nicht so weit wie die Farm, aber sie sagte, nachdem Gil versucht hatte, sie zu töten, sei sie so verängstigt gewesen, dass sie ohne nachzudenken einfach zur Farm zurückgelaufen sei. Außerdem wollte sie nicht, dass ihre Eltern etwas davon erfuhren. Sie schämte sich, weil ihre Ehe nicht funktionierte.“
»Hatte sie sich, während sie mit der Flinte dasaß, denn nicht beruhigt?«
»Hatte nicht die Zeit dazu.«
»Wann verließen sie die Bar?«
»Gegen elf.«
»Und wann kam ihr Notruf?«
»Gegen eins.«
»Das bedeutet, dass zwischen dem Zeitpunkt, als sie vor ihrem Mann davonlief, und dem Zeitpunkt, als sie ihn erschoss, ungefähr eineinhalb Stunden lagen.«
»Wir wussten das, aber Sie dürfen auch nicht vergessen, dass sie viereinhalb Meilen bis zur Farm laufen musste. Dafür brauchte sie eine knappe Stunde. In dieser Zeit fuhr Gil sein Auto kaputt und ging zu Andy, um sich von ihm nach Hause bringen zu lassen. Justine behauptete, Gil sei fünf bis zehn Minuten nach ihr angekommen.«
»Sie gingen also davon aus, dass der Schuss zu rechtfertigen war?«
»Ich habe mit dem Bezirksstaatsanwalt darüber gesprochen, und der wollte keine Anklage erheben«, sagte Knoll, ohne direkt auf Herbs Frage einzugehen. »Justine war ein gutes Mädchen, das mit einem schlechten Mann verheiratet war. Das wusste jeder. Und jeder kannte auch die Geschichte mit dem Baby. Gil genoss wenig Sympathie. Die Einzigen, die Justine gern vor Gericht gesehen hätten, waren Gils Eltern, aber das war zu erwarten gewesen. Sie behaupteten, Justine habe Gil ermordet, um an die Versicherung zu kommen.«
Cross hob eine Augenbraue. »Um wie viel ging's da?«
»Ungefähr hunderttausend Dollar, wenn ich mich recht erinnere.«
»Für ein Mädchen vom Lande ist das eine Menge Geld.«
»Das ist für jeden eine Menge Geld.«
Cross sah Knoll eindringlich an, als er seine nächste Frage stellte.
»Glaubten Sie damals Justines Geschichte?“
Knoll wich dem Blick nicht aus. »Ich hatte keinen Grund, es nicht zu tun, aber ich habe mich auch nicht sehr angestrengt, um zu beweisen, dass sie log. Es war eben eine Sache, bei der niemand wollte, dass ich mich groß als Detective aufspiele.«